Die verschobene Last
Manchmal fängt ein Gedanke an einer belanglosen Stelle an. Bei mir war es eine Liste zur Müllvermeidung, in der ich nachsehen wollte, was sich im Alltag noch verbessern ließe. Beim Durchgehen zeigte sich, dass ich das meiste davon längst tue. Was als praktische Suche begann, endete mit einer anderen Frage: Warum hatte ich überhaupt angenommen, dass die Antwort bei mir zu finden sei?
Die Annahme ist verbreitet und selten ausgesprochen. Wo etwas schiefläuft, richtet sich der Blick zuerst auf das eigene Verhalten. Was kann ich tun, was sollte ich ändern, wo bin ich Teil des Problems. Das ist eine anständige Haltung und sie ist der richtige Anfang. Verantwortung beginnt beim eigenen Handeln, nicht beim Zeigen auf andere. Bemerkenswert ist nur, wie oft sie dort auch endet.
Denn dieselbe Frage ließe sich auf jeder Ebene stellen, auf der gehandelt wird. Wer etwas herstellt, entscheidet über Bedingungen, unter denen andere handeln. Wer Handel treibt, bestimmt, was überhaupt zur Wahl steht. Wer Regeln setzt, legt den Rahmen fest, in dem sich alles Übrige bewegt. Jede dieser Ebenen trägt einen Teil und keine kann ihn an eine andere abgeben, ohne dass etwas verloren geht. Verantwortung teilt sich nicht so auf, dass am Ende weniger bei jedem einzelnen bliebe. Sie liegt gleichzeitig überall.
Trotzdem wandert sie. Meist unauffällig und fast immer mit guten Gründen. Wer produziert, verweist auf die Nachfrage. Wer entscheidet, verweist auf Zuständigkeiten. Wer wählt, verweist auf die, die die Bedingungen setzen. Jeder Verweis stimmt für sich. In der Summe entsteht ein stilles Einvernehmen, bei dem jede Ebene ihren Anteil an die nächste durchreicht, nach oben oder nach unten, je nachdem, welche gerade als die eigentlich zuständige erscheint. Am Ende ist niemand mehr für das Ganze verantwortlich, obwohl alle etwas getan haben.
Das Verschieben tarnt sich dabei gern als Beitrag. Wer nur das eigene Verhalten verwaltet, tut sichtbar etwas und muss die Frage nach der größeren Wirkung nicht stellen. Wer nach oben zeigt, benennt einen wahren Punkt und darf darüber den eigenen Teil vergessen. Beide Bewegungen sehen aus wie Haltung. Beide ersparen sie. Die eine bleibt im Kleinen, wo sie greifbar, aber begrenzt ist, die andere flüchtet ins Große, wo sie sich niemandem mehr zurechnen lässt.
Was dabei aus dem Blick gerät, ist der Unterschied zwischen Beschäftigung und Wirkung. Man kann viel tun und wenig bewegen, wenn man an der Stelle handelt, die den kleinsten Hebel hat. Man kann wenig tun und viel bewegen, wenn man dort ansetzt, wo sich die Rahmenbedingungen ändern lassen. Verantwortung ernst zu nehmen hieße, nicht nur zu fragen, was man selbst beiträgt, sondern auch, ob der eigene Beitrag an der richtigen Stelle ansetzt oder nur das gute Gefühl bedient, überhaupt etwas zu tun.
Verantwortung zu übernehmen bleibt richtig und wichtig. Genauso wichtig ist auch, zu erkennen, wo man selbst kaum etwas bewirken kann. Wenn wir Verantwortung dann nicht abgeben, binden wir unsere Kraft an einer Stelle ohne Hebelwirkung. Sie fehlt dann, wo wir Einfluss nehmen können. Das führt zu Überforderung und Frustration statt zur gewünschten Wirkung oder Veränderung.

