Gesellschaft und Verantwortung

Im selben System

Das Trittbrettfahrer-Problem ist in der Spieltheorie gut beschrieben. Wer nicht zahlt, aber mitfährt, profitiert vom Beitrag anderer, ohne selbst etwas beizusteuern. Solange es wenige tun, fällt es kaum auf. Wenn es alle täten, bricht das System zusammen. Die Logik ist einfach. Die Konsequenz daraus ist es nicht.

Denn die gängige Lesart hat einen blinden Fleck. Sie setzt voraus, dass es zwei klar unterscheidbare Gruppen gibt: die, die beitragen, und die, die profitieren. Diese Unterscheidung ist anschaulich. Sie ist nur selten zutreffend.

Wer Steuern zahlt, nutzt Straßen, Rechtssicherheit, Bildungsinfrastruktur. Wer ein Unternehmen führt, greift auf ausgebildete Arbeitskräfte zurück, auf funktionierende Märkte, auf gesellschaftliche Stabilität, die nicht selbst hergestellt wurde. Wer in einem Sozialstaat lebt und nie ernsthaft krank war, hat trotzdem von einem System profitiert, das andere aufgebaut haben. Niemand steht außerhalb dieser Verflechtung. Der Unterschied zwischen Beitragenden und Empfangenden ist graduell, nicht kategorial.

Was dabei auffällt: Beide haben ihren eigenen blinden Fleck. Wer stark profitiert, sieht, was das System leistet – aber kaum, wie es gespeist wird. Die Infrastruktur funktioniert, das Netz hält, die Grundlagen sind da. Woher das kommt, bleibt im Hintergrund. Wer viel einbringt, verliert leicht den Blick dafür, was das System zurückgibt. Die Frage „wofür eigentlich?“ stellt sich dann nicht mehr als Frage, sondern als Feststellung.

Beide Wahrnehmungen sind in sich schlüssig. Beide sind unvollständig.

Das Trittbrettfahrer-Problem beginnt vielleicht genau dort. Nicht bei denen, die bewusst nicht zahlen. Sondern dort, wo der eigene Ausschnitt für das Ganze gehalten wird. Wer nur sieht, was er gibt, übersieht, was er empfängt. Wer nur sieht, was er empfängt, übersieht, was andere einbringen. Beides ist dieselbe Verkürzung – mit verschiedenen Vorzeichen.

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